Erstmals seit 72 Jahren fehlt in Märstetten das Kirchenglockengeläut

Inmitten von Klöppeln, Kehreisen, Kugellagern, Jochs und Hämmern steht Kirchentechniker Silvan Dominioni. Im Auftrag seines Arbeitgebers Rüetschi in Aarau, der ältesten und letzten Glockengiesserei der Schweiz, hat er diese Teile in den vergangenen drei Wochen demontiert. «Sie können nicht mehr verwendet und müssen neu hergestellt werden», erklärt er.

In der darüberliegenden Glockenstube stehen die fünf Glocken der über 500 Jahre alten Märstetter St. Jakobskirche nun auf dem Boden. Seit ihrem Aufzug am 25. September 1954 und der Einweihung am darauffolgenden 12. Dezember haben sie die Gläubigen zum Gottesdienst gerufen, aber auch zu Taufen und Hochzeiten geläutet, oder dann, wenn einem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen wurde.

Einstimmig genehmigten die Kirchbürgerinnen und Kirchbürger im vergangenen Januar einen Kredit von 174’000 Franken für die Sanierung des Glockenstuhls und das Ersetzen der Klöppel und weiterer Teile.

Schwingungsisolation schützt Kirchturm

Dominioni erklärt, wie es nach der Abmontage weitergeht. «Die neuen Klöppel werden in unserer Glockengiesserei mechanisch geschmiedet und abgedreht, wobei wir sie gemäss den Feinmassen von Glocken, Jochs und den alten Klöppeln auslegen.» In einem weiteren Schritt gilt es, den Glockenstuhl anzuheben und Schwingungsisolationen anzubringen. Damit werden die Schwingungen nicht 1:1 auf den Kirchturm übertragen und dieser nicht geschädigt.

Der Kirchentechniker hat einen genauen Plan: «Ende September werden die Klöppel und Jochs über einen mechanischen Kettenzug in den Turm hochgezogen und montiert. Im Rahmen eines Eröffnungsgottesdienstes sollen die revidierten Glocken am Sonntag, 18. Oktober, erstmals wieder die Gläubigen zum Gottesdienst rufen. «Das neue Geläute wird leiser, weicher und angenehmer sein und vom menschlichen Gehör als sanfter empfunden», sagt Silvan Dominioni.

Erstmals müssen die Märstetterinnen und Märstetter für die kommenden drei Monate aber ohne den gewohnten Stundenschlag und das Morgen- und Abendläuten auskommen. Einige von ihnen erzählen, wie sie mit dieser Situation umgehen können.

Die Kraft der Glocken fehlt

«Seit unsere Kirchenglocken wegen der Revision schweigen, ist für mich etwas Vertrautes aus dem Dorf verschwunden», sagt der evangelische Pfarrer von Märstetten, Tobias Arni. Ihm fehlt während der Nacht der Stundenschlag, «dieses leise Orientieren in der Zeit». Am Morgen fehlt ihm das Läuten um sechs Uhr. Für ihn ist das mehr als nur ein Zeichen des Tagesbeginns, sondern ein Innehalten, eine Erinnerung daran, dass das Leben eingebettet ist in etwas Grösseres. Auch das Ein- und Ausläuten des Sonntags fehlt ihm sehr.

Mit den Glocken verbindet Arni ein Gefühl von Heimat, Zugehörigkeit und gemeinsamen Erlebnissen der Hoch- und Tiefzeiten des Lebens. Besonders spürbar sei für ihn das Schweigen der Totenglocke um 18.20 Uhr: «Sie machte hörbar, dass ein Mensch aus unserer Gemeinde verstorben ist, und verbindet Trauer und Mitgefühl über Häuser und Felder hinweg.»

Zwar werden die Gottesdienste nun über einen Lautsprecher eingeläutet, doch für Arni ist es nicht dasselbe. Ihm fehlt die Kraft der Glocken, ihr lebendiger Klang und der Schall, der weit über das Land trägt, Menschen miteinander verbindet und zum Dienst an Gott und damit auch zum Dienst am Nächsten einlädt.

Kaum wahrgenommen

«Den Menschen im Dorf fehlt das Läuten. Auch ich selbst vermisse die Orientierung im Alltag», sagt Mesmer Martin Bär. Den Lautsprecher des Läutens setzt er nur in der Kirche und deren näherem Umfeld ein. Seine Stellvertreterin, Sandra Huber, wohnt seit 20 Jahren in der Dattenhub auf dem Ottenberg und meint: «Ich höre die Glocken von Weinfelden, Hugelshofen und Märstetten und vermisse das Läuten am Abend von Märstetten hinauf.»

Der 71-jährige Landwirt Herbert Heer wohnte zeitlebens im «Hohen Haus», 150 Meter westlich der Kirche. Heute lebt er dort mit seiner Frau Tatiana und seiner 15-jährigen Tochter. Während sie das Verstummen der Glocken nicht wahrgenommen hat, ist es ihrem Vater sofort aufgefallen: «Ich vermisse das Läuten morgens um sechs Uhr. Obwohl ich schon vorher wach bin, gehört das schöne Geläute zu meinem Alltag.»

Wenige Meter westlicher wohnt Fabian Helbock mit seiner Familie. Er steht täglich um sechs Uhr zusammen mit dem Morgenläuten auf und weiss abends dank der Glocken, wie spät es ist. Trotzdem sagt er: «Dass die Glocken verstummt sind, ist mir erst nach einem Hinweis meiner Frau vor zwei Tagen aufgefallen.»

Ähnlich wie Helbock ist es auch anderen Bewohnerinnen und Bewohnern ergangen. Der 88-jährige Willi Rüegger, täglich mit seinem Rollator im Dorf unterwegs, schmunzelt: «Ich hab es in der Zeitung gelesen.»

Werner Lenzin, Bericht aus der Thurgauer Zeitung vom 4. August 2026

Kirche und
Kirchgemeindehaus:
Kehlhofstrasse 5
8560 Märstetten

Pfarramt:
Kehlhofstrasse 3
8560 Märstetten
Tel. 071 657 12 17

Sekretariat:
Tel. 071 530 06 04
Di 13.30-17.30 Uhr
Fr 9.30-12.00 Uhr

Mesmerdienst:
Tel. 071 657 10 90

Jugendarbeit:
Tel. 071 657 15 38